Herbert Neis

Herbert Neis (* 7. Januar 1930) wird durch einen Metallsplitter tödlich verletzt

Wir (Werner Schmidt und ich) besuchten Oskar Schäfer (Lebsen) am 27. Dezember 2011, um mehr über die Geschichte seines Cousins Herbert Neis (Lebsen) zu erfahren.

In den Lebacher Familienbüchern von Gerhard Storb ist Herbert Neis nicht zu finden. Herbert Neis ist wohl nicht in Niedersaubach geboren worden; ebenso haben die Eltern wohl nicht in Lebach geheiratet.

Aber sein Andenken wird in der Antoniuskapelle bei den Kriegsopfern bewahrt. Er war schließlich ein Saubacher Bub.

Herbert Neis, Fotoarchiv: Oskar Schäfer (Lebsen)

Lebsen Os war ein Jahr älter als sein Cousin Herbert; in bewegenden Worten schildert er die Ereignisse am 17. und 18. März 1945, als die Deutschen fluchtartig Niedersaubach verließen und die Amerikaner nachrückten.

Vor dem Einmarsch der Amerikaner hatten die Deutschen 4 Artilleriegeschütze in Niedersaubach in der Heck und am Fuß der Eich postiert: am Kalkofen (alte Volksschule, jetzt: Vereinsplatz), bei Schedlersch (Schedler), bei Molersch (Schmidt) und bei Grawen Battis (Schäfer).

Herbert und sein (kürzlich verstorbener) Bruder Helmut; Fotoarchiv: Oskar Schäfer (Lebsen)

Am 17. März 1945 rückten die amerikanischen Infanterie- und Panzer-Verbände von Schmelz her kommend vor. Sie nahmen den Weg über Tanneck und wollten die Hold hinunter. Das ließ die deutsche Artillerie zunächst nicht zu. So weit sich Oskar Schäfer erinnert, wurde an diesem Samstag gegen 18 Uhr zwischen den feindlichen Linien das Artillerie-Feuer eröffnet. Es soll sehr heftig gewesen sein und während der ganzen Nacht angehalten haben. Erst gegen Morgen (Sonntag, 18. März, 7 Uhr) schwiegen plötzlich die Waffen. Die deutschen Soldaten setzten sich nach Aschbach ab; die Fluchtrichtung der heillos unterlegenen deutschen Verbände war der Rhein. Das Dorf wurde sehr in Mitleidenschaft gezogen, einige Gebäude, so z.B. die Kapelle, wurden von Artillerie-Geschossen getroffen. Lebsen Os schätzt, dass die Schießerei etwa 6 deutschen Soldaten das Leben gekostet hatte. Wie hoch die amerikanischen Verluste waren, wusste man in Niedersaubach nicht.

Cecilia Neis (Lebsen Zilla), Fotoarchiv: Oskar Schäfer (Lebsen)

Als es plötzlich so still war, beschlossen Herbert Neis sowie Reinhold und Hans Schedler, die Gegend, insbesondere die Situation in der Heck, zu erkunden. Die Hecker hatten am Abend vorher versucht, aus der Schusslinie zu kommen und bei Nachbarn wie Lebsen Schutz zu finden.

Bei der Flucht sprengten die deutschen Soldaten die Geschütze – also auch das vor Schedler’sch Haus stehende – in die Luft. Auf diesem Geschütz wollte Lebsen Herbert nachschauen, wie viele Flugzeugabschüsse dort – eingekerbt – vermerkt waren. Von Eibachwald her (Gemarkung nach Aschbach hin) wurden die Zündschnüre von den deutschen Soldaten her angesteckt; sie ahnten nicht, dass der Junge mit in die Luft gesprengt werden würde.

Erwähnenswert hinsichtlich der Räumung des Dorfes durch die deutschen Soldaten ist laut Josef Heinrich (Hirten), dass welche, nachdem die Truppe sich schon davon gemacht hatte, zurück kamen, um ausgangs des Dorfes die Panzersperren zu beseitigen und damit den amerikanischen Befehlshabern den Grund nahmen, beim Vorrücken auf das geräumte Dorf weiter schießen zu lassen.

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Das Foto zeigt am 27.12.2011 Oskar Schäfer, seinen Sohn Alwin und Werner Schmidt (Foto: Lothar Schmidt). Dieses Foto einfach am Pfeil anklicken, um die Erinnerungen von Lebsen Os zu hören!

Das Foto unterhalb zeigt den Granatsplitter, der Herbert Neis den Schädel zertrümmert hatte (etwa 6 cm mal 6 cm mal – bis zu – 2 cm groß und richtig schwer); er wurde von seinem – kürzlich verstorbenen – Bruder Helmut über die vielen Jahre aufbewahrt.

Granatsplitter, der Herbert Neis den Schädel zerschlagen hatte; Foto: Lothar Schmidt

Reinhold und Hans Schedler kamen, wie Lebsen Os berichtet, wie ein Wunder bei der Sprengung mit dem Leben davon. Lebsen Herbert wurde allerdings durch einen Splitter schwer am Kopf getroffen. Der Splitter durchschlug seinen Schädel derart massiv, dass sich die Hirnmasse aus dem Kopf herausdrängte. Es muss furchtbar gewesen sein.

Bei Lebsen hörte man natürlich den lauten Knall, den die Sprengung der Geschütze weniger als 1 km entfernt verursachte. Sogleich aber muss der Schrei von Schedler’sch Martha (der Mutter von Reinhold und Hans Schedler) zu hören gewesen sein, als sie sah, dass Herbert am Kopf getroffen war. Sie brachte den sterbenden Jungen mit einem Handwagen zu dessen Mutter, Lebsen Zilla (Cecillia Neis). Als Lebsen Zilla gewahr wurde, was geschehen war, fiel sie sofort in Ohnmacht.

Matzen Pitt (der Sanitäter war und herbei gerufen wurde) drückte mit seinen Händen die ausgetretene Hirnmasse zurück in den Schädel und verband den verletzten Kopf von Herbert Neis. Soweit sich Oskar Schäfer erinnert, hat Herbert nicht mehr das Bewusstsein erlangt.

Die Amerikaner drangen nun nicht sofort in das Dorf ein, sondern tasteten sich langsam Richtung Hold vor. Erst gegen 14 Uhr an diesem heißen, trockenen März-Tag (es herrschten ca. 20 Grad Celsius) erreichten sie die Wohnhäuser in der Hold. Eine bei Lebsen wohnende, aus Völkingen evakuierte Lehrerin namens Hagel, die Englisch sprach, wandte sich sofort an die auftauchenden amerikanischen Soldaten, mit einer weißen Fahne ausgestattet, um sie über den schwer verletzten Jungen zu unterrichten. Sie nahmen ihn sofort in einen Wagen und schafften ihn nach Tanneck, wo sie ein provisorisches Lazarett unterhielten. Auf dem Weg dorthin verstarb aber der tödlich Getroffene.

Man wird schon sehr traurig, wenn man diesen Schilderungen von Oskar Schäfer innerlich folgt.

Eine Geschichte möchte ich hier noch festhalten. Oskar Schäfer erzählte schmunzelnd, sein Cousin Herbert sei ein richtiger „Tuwack“ gewesen. Begeistert habe er, wie die Buben eben so sind,  „Soldat gespielt“. So habe er sich in jenen Tagen, was wahrscheinlich nicht schwierig war, heimlich ein Gewehr „organisiert“. Damit habe er eines Tages, als er in der Hold mal wieder auf dem „Kriegspfad“ war, auf einen amerikanischen Tiefflieger scharf geschossen. Nicht viel später tauchten plötzlich über Niedersaubach vielleicht 5 Jagdbomber auf, die sich die Hold vornahmen. Die Schießerei, die Herbert begonnen hatte, wäre beinahe ins Auge gegangen. Das Bohlen-Haus jedenfalls sei dabei heftig durchgeschüttelt worden.

Herbert Neis beim „Kriegsspiel“; Fotoarchiv: Paul Mattick (Hachen)

Zum kriegsgeschichtlichen Hintergrund:

Ich konnte bisher noch nirgendwo erfahren, dass man sich in unserer Gegend damals die Bezeichnungen der deutschen oder amerikanischen Einheiten gemerkt hätte, die im März 1945 Niedersaubach durchquerten. Auch in heimatgeschichtlichen Schriften wird immer ganz allgemein von den Deutschen und den Amerikanern gesprochen, die da am 17. März 1945 aufgetaucht waren.

Allerdings kann man versuchen, die militärischen Einheiten in das Kampfgeschehen der letzten Kriegswochen einzuordnen.

Wie war die militärische Lage an der Westfront: Nach der Landung der alliierten Streitkräfte in der Normandie im Rahmen der Operation Overlord am 6. Juni 1944 und der Kapitulation der deutschen Streitkräfte am 25. August 1944 in Paris versuchte Adolf Hitler, den Westwall zu reaktivieren, wobei sich von Anfang an abzeichnete, dass die deutsche Sperranlage der Entwicklung der alliierten Waffentechnologie nicht (mehr) gewachsen sein würde.

Westwall; Quelle: Wikipedia (gemeinfrei)

Nach dem Scheitern der anfänglich erfolgreichen deutschen Ardennenoffensive (16. Dezember 1944 – 21. Januar 1945) war die Lage der Wehrmacht im Westen aussichtslos geworden.

Schon im Oktober 1944 (4. – 12. Oktober) wurde die 416. Infanterie-Division aus Dänemark abgezogen und in den Bereich des sogenannten Orscholz-Riegels (ein Teil des Westwalls zwischen Mosel und Saar) verlegt. Diese Truppe war eine Besatzungs-, aber keine erfahrene Kampftruppe. Ihr unterstellt war u.a. das Artillerie-Regiment 416. Damals gehörte die 416. ID zur 1. deutschen Armee.

Egon Scholl (Orscholz) hat den Kampf um den Orscholz-Riegel dokumentiert.

Bereits zwischen dem 17. und 21. November 1944 versuchten Einheiten der 3. US-Armee unter dem legendären General George S. Patton, den Orscholz-Riegel aufzubrechen. Der Versuch misslang unter hohen Verlusten der eingesetzten amerikanischen Verbände.

Der Vormarsch der 3. US-Armee nach Osten wurde von Patton gestoppt, als er vom amerikanischen Oberbefehlshaber, General Dwight D. Eisenhower, die Erlaubnis erhielt, im Dezember 1944 nach Norden vorzustoßen, um die durch die Ardennenoffensive eingeschlossenen alliierten Streitkräfte bei Bastogne zu entsetzen. Das gelang der 3. US-Armee auch, wobei der Einsatz im tiefen Schnee der Ardennen bei unzureichender Winterausrüstung den amerikanischen Soldaten einen hohen Blutzoll abverlangte.

Erst am 19. Februar 1945 wurde der Angriff der 3. US-Armee, getragen von der 94. US Inf. Division und der 10. US Panzer Division, gegen den Orscholz-Riegel wieder vorgetragen (Quelle: Egon Scholl, Orscholz). Der Angriff war erfolgreich: Am 23. Februar d.J. konnte die 3. US-Armee das Dreieck zwischen Mosel und Saar einnehmen. Es heißt, auf beiden Seiten seien in diesen Februar-Tagen jeweils ca. 1.000 Soldaten gefallen.

Man kann sich auf der Plattform von You Tube bei hunsruecktv einen Eindruck von diesem Vormarsch verschaffen; konkret geht es um den 5. März 1945, als SS-Gebirgsjäger sich den amerikanischen Verbänden zwischen Trier und Saarburg entgegen stellten (Trier war am 2. März 1945 von den Amerikanern eingenommen worden).

Nun forcierte Patton den Vormarsch Richtung Rhein. Am 10. März 1945 erreichte der linke Flügel der 3. US-Armee den Rhein (am 7. März war weiter nördlich die Rheinbrücke in Remagen den Amerikanern in die Hände gefallen). Links des Rheins überschlugen sich nun die Ereignisse. Klaus-Dietmar Henke schrieb in seinem Buch: Die amerikanische Besetzung Deutschlands, Oldenbourg Verlag, München 1996, der Vormarsch der Amerikaner sei am 17., 18.  und 19. März 1945 rasant gewesen, wobei das Tempo nur noch durch die Motorleistung der gepanzerten Fahrzeuge gebremst worden sei (ebenda S. 349). Am 20. März 1945 hätten die Spitzen der gepanzerten Verbände bereits vor Mainz, Worms und Kaiserslautern gestanden. Am 22. März 1945 setzte Patton bei Oppenheim und bei Nierstein über den Rhein. Die Tage des NS-Regimes waren nun gezählt.

In diesen Kontext eingeordnet kann man vermuten, dass die deutsche Artillerie-Einheit, welche in Niedersaubach Aufstellung genommen hatte, zum Artillerie-Regiment 416 gehörte. Und die Amerikaner, welche die Niedersaubacher am 18. März 1945 zu sehen bekamen, gehörten wohl sehr wahrscheinlich zur 10. US-Panzerdivision bzw. zur 94. US Infanteriedivision, deren Befehlshaber als Chef der 3. US-Armee General Patton war. Von der Stoßrichtung her waren es wahrscheinlich die amerikanischen Soldaten, die am 20. März 1945 vor Kaiserslautern standen.

Stand: 01.2012

Lothar Schmidt

P.S.:

Hier noch zur Ergänzung Bilder von Lebsen Oss (Oskar Schäfer, Jahrgang ’29), der uns Bilder aus Lebsen überlassen hat.

Oskar und Friedhelm Schäfer sowie ihr Cousin Emil Riehm (alle Lebsen und Cousins von Herbert Neis), Fotoarchiv: Oskar Schäfer (Lebsen)

Friedhelm und Oskar Schäfer mit iher Mutter Mari vor Lebsen, Fotoarchiv: Oskar Schäfer (Lebsen)

 

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